Tipps aus der Praxis

„Ich war mit der Situation völlig überfordert“ – Wie man Regelverstößen durch ein Interventionsprogramm begegnen kann

Es ist Dienstagmittag im Lehrerzimmer. Eine Referendarin sitzt etwas ermattet am Tisch mir gegenüber und starrt ins Leere. Ich spreche sie an und frage, ob alles in Ordnung sei. Daraufhin schildert sie mir einen Vorfall in ihrer eigenverantwortlich geführten Klasse.

Ein Schüler habe sich mehrmals massiv nicht an die vereinbarten Regeln gehalten. Sie sprach ihn immer wieder darauf an und zog letztendlich die Konsequenz und wollte ihn zum Schulsozialarbeiter schicken. Leider weigerte sich dieser Schüler und blieb sitzen. Normaler Unterricht war dann kaum noch möglich. Ihre mir geschilderten Gefühle grenzten stark an absoluter Überforderung und der Frage, wie man hier Herr bzw. Herrin der Lage werden kann.

Die Grundannahmen

Zunächst müssen wir uns grundsätzlich mit ein paar wichtigen Annahmen beschäftigen, die den Bereich der „Störungen“ skizzieren wollen:

  1. Es gibt immer eine Motivation für regelwidriges Verhalten.
  2. In Grenzen können Störungen „normal“ sein („denn jeder ist unterschiedlich und will nicht immer das Gleiche“).
  3. Jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich und entscheidet sich in diesem Moment für regelkonformes oder -widriges Verhalten.

Das Interventionsprogramm

Ein Interventionsprogramm, wie es an meiner Schule und in meinem Unterricht gerne praktiziert wird, ist dreistufig aufgebaut. Die hier vorgestellten Maßnahmen sollen als Anregung verstanden werden und müssen unbedingt vorher mit jeder Klasse sorgfältig abgesprochen werden.

Reaktion auf den 1. Regelverstoß

Der Jugendliche bekommt dabei sowohl eine verbale (durch Nennung seines Namens) als auch eine visuelle Rückmeldung. Diese kann unterschiedlich erfolgen. Folgende Ideen sind hier möglich:

  • gelbe Karten zeigen
  • Namenskarte auf einer Farbtafel versetzen
  • Namen an die Tafel, auf ein Plakat etc. schreiben und mit einem Strich versehen

Durch die Hinweise wird der Jugendliche für sein Verhalten sensibilisiert und bekommt sofort eine klare Rückmeldung. Wichtig ist hier, dass auch kleine Regelverstöße sofort rückgemeldet werden müssen (Mehr hierzu: Je „schwieriger“ die Klasse – desto wichtiger der Start)

Reaktion auf den 2. Regelverstoß

Folgende Fragen an den Jugendlichen können hier sehr hilfreich sein, um ihn für sein erneutes Verhalten zu sensibilisieren und ihm Denkanstöße für mögliche negative Konsequenzen aufzuzeigen:

  • Was machst du gerade?
  • Welche Regel hälst du gerade nicht ein?
  • Was möchtest du weiterhin tun: Hier mitmachen oder stören, möchtest du bleiben oder schon gehen?
  • Woran kann ich sehen, dass du hier bleiben möchtest, was machst du jetzt anders?
  • Was passiert, wenn du doch noch einmal störst?
  • Was machst du, wenn du wiederkommst?

Wir sollten niemals vergessen, dass jegliches störendes Verhalten für den betreffenden Jugendlichen häufig positive Effekte evoziert (Aufmerksamkeit, Lacher usw.) und ihn meistens weiter motiviert, zu stören. Dies wird sehr wahrscheinlich auch in unserem Fallbeispiel der Referendarin zutreffend gewesen sein. Stellen wir ihm jedoch Fragen, die zum Nachdenken animieren, wird sein Blick auf die negativen Konsequenzen gelegt. Dies hilft ihnen, ihr Verhalten zu überdenken und eine Entscheidung zu treffen.

Reaktion auf 3. Regelverstoß

Lehrer/in: „Ich habe beobachtet, dass du…, und damit hast du dich nun doch entschieden, hier nicht länger mitmachen zu wollen. Geh‘ bitte zu…/ setze dich bitte dorthin…“

Dies wäre eine Variante, wenn das regelwidrige Verhalten des Jugendlichen so massiv ist, dass kein normales Unterrichten mehr möglich ist. Andere Varianten, wie man beim dritten Fehlverhalten vorgehen kann, habe ich bereits in einem anderen Beitrag (Hier) erläutert.

Natürlich sollten massive Äußerungen von Gewalt bestenfalls sofort zu einem Ausschluss führen. Aber auch das sollte den Jugendlichen zu Beginn alles ausführlich erklärt werden.

Ruhe und Gelassenheit

Jegliche Art der Intervention erfordert vor allem eins: Ruhe, Sachlichkeit und Gelassenheit. Es sollte stets eine klare Trennung zwischen Verhalten und Person erfolgen! Verallgemeinerungen, wie „schon wieder“ oder „immer“ o.ä. sollten unbedingt vermieden werden!

 

Was passiert aber, wenn ich einen Jugendlichen wirklich des Raumes verweise? Muss er etwas tun? Hierzu werde ich im nächsten Beitrag informieren.

Wie ist es bei euch? Hat eure Schule vielleicht sogar ein ausgefeiltes Interventionsprogramm? Wie macht ihr das in der Praxis? Hier gibt es ja tausend und eine Möglichkeiten 😃

Literatur:

Pflug, Dagmar: Soziales Kompetenztraining „Gut drauf – gut dran“: Angebote für Kinder und Jugendliche in der Schule und anderen sozialen Kontexten

3 Kommentare zu „„Ich war mit der Situation völlig überfordert“ – Wie man Regelverstößen durch ein Interventionsprogramm begegnen kann

  1. So ganz bin ich dann doch nicht organisiert. Die Hängeregistratur ist eine tolle Idee. Mehr Ordnung im Arbeitszimmer geht ja schon gar nicht mehr. Super. Übrig gebliebene Arbeitsblätter landen bei mir einfach im Stundenordner des jeweiligen Themas und werden im kommenden Schuljahr, wenns passt, verwendet. Anfangs hatte ich auf jedem AB immer Datum und Klasse abgedruckt, mittlerweile bin ich so schlau, hier Linien einzufügen und die Schüler hinter dem Doppelpunkt selbst das heutige Datum und die eigene Klassenbezeichnung einschreiben zu lassen. Dann klappts auch besser mit der Wiederverwendung. Aber wie heißt es so schön, man lernt nie aus. LG Ela

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